FIFTY SHADES OF MAY
Wir schreiben das Jahr 76 des vergangenen Jahrhunderts. In den USA wird Jimmy Carter zum Präsidenten gewählt, in der Bundesrepublik bleibt Helmut Schmidt für weitere vier Jahre Kanzler und in China stirbt Mao Zedong. Auf dem Mars landet die Sonde Viking I , in der DDR wird Wolf Biermann ausgebürgert und in einer Garage in Kalifornien gründet Steve Jobs Apple. Europas Hitparaden werden von Harpos Moviestar erstürmt, Deutschland verliert durch den ‚Elfmeter von Belgrad‘ das Endspiel der Europameisterschaft gegen die Tschechoslowakei und auf dem Hümmling regen sich die ersten Proteste der Anti-Atomkraft-Bewegung. In Sögel erlangen am 5. Mai dieses Jahres 16 Schülerinnen und 18 Schüler die allgemeine Hochschulreife.

Und nun, ein halbes Jahrhundert später, stehen eben diese Abiturienten vor dem Eingang des Hümmling-Gymnasiums. Nicht nur die Welt, auch wir haben uns verändert und jeder versucht den Gesichtern den richtigen Namen zuzuordnen. Auch wenn wir uns in regelmäßigen Abständen getroffen haben, ist ein gewisses Kribbeln im Bauch zu spüren und eine latente Spannung liegt in der Luft. Doch schnell wandelt sie sich in eine lockere, aufgelöste, fröhliche Stimmung.
Dann ist sie da. Die jetzige Schulleiterin Simone Hilgefort lässt es sich nicht nehmen uns persönlich durch unsere ‚alte Penne‘ zu führen. Die Chemie zwischen uns stimmt sofort und wir einigen uns auf das ‚Du‘. Mit Staunen besichtigen wir die Mensa mit Bibliothek und Digitalwerkstatt. Da kommt uns der Vorraum zur Aula schon vertrauter vor, wenn auch der Musikraum des Herrn Spillmann verschwunden ist. Weiter geht es ins Hauptgebäude. Der graue Fußbodenbelag hat sich, wie wir, bis heute erstaunlich gut gehalten, doch Decken, Fenster und Wände sind frisch renoviert und alles wirkt erfreulich hell und freundlich. Vorbei am Ex-Verkaufsstand des Hausmeisters (Kakao und Combo lassen grüßen) führt Simone uns die Treppe hinunter durch den ehemaligen Aufenthaltsraum (Klassenfeten mit Persico tauchen vor dem geistigen Auge auf) in den Innenhof, der neu gestaltet fast einladend wirkt.
Nun führt uns der Weg in einen ‚normalen‘ Klassenraum, wo wir nach einigen Diskussionen sogar unsere alte Sitzordnung zustande bringen. ‚Wo ist denn das Raucherzimmer geblieben?‘. Diese Frage wird mit einem entrüsteten Hinweis auf striktes Rauch- und Alkoholverbot an der Schule quittiert.
Weiter geht es in den ‚neu angebauten‘ naturwissenschaftlichen Trakt vorbei an Physik- und Mathematikräumen zum Lieblingsort unserer Gastgeberin: Chemie 2. Zu unserem Erstaunen erfahren wir, dass der Großteil der Schülerschaft sich heute für den naturwissenschaftlichen Zweig der Ausbildung entscheidet. Waren wir nicht damals ein neusprachliches Gymnasium? Zeiten ändern sich eben. Im Musikraum folgt die Vorführung eines von Schülern erstellten Image-Films; informativ und gut gemacht.
Zum Abschluss ein Schlusswort der Schulleiterin. Sie spricht von ‚ihrer‘ Schule und man merkt, dass es ‚ihre‘ Schule ist. Sie lobt Kollegium und Schülerschaft und spricht von respektvollem Umgang und vertrauensvoller Zusammenarbeit. Welch eine Bildungsoase in heutiger Zeit. Dann ist es Zeit zu gehen. Wir bedanken uns für die ausführliche und überaus nette Führung.
Bei unserem ‚Stammwirt‘ Lucky lassen wir den ereignisreichen Tag bei geistigen Getränken, einem hervorragenden Essen und vielen, vielen Gesprächen bis in die Morgenstunden ausklingen.
Geschrieben von Hans Brachem